
Zurück ins Licht.
Vier Künstlerinnen – Ihre Werke. Ihre Wege.
Vortrag von Eva Atlan, PhD, Frankfurt (Deutschland)
Januar 11, 2023 @ 12: 00 Uhr - 1-00pm
| FreiErna Pinner, Rosy Lilienfeld, Amalie Seckbach und Ruth Cahn gehörten zu den ersten beruflich erfolgreichen Künstlerinnen Frankfurts. In den „Goldenen Zwanzigern“ prägten die vier jüdischen Frauen die Frankfurter Kunstszene, publizierten und stellten international aus, pflegten einen kosmopolitischen Lebensstil und konkurrierten mit ihren männlichen Kollegen. Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten endete ihre Karriere abrupt. Sie wurden fortan als Jüdinnen verfolgt, ihre Werke verfemt und nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs gerieten sie weitgehend in Vergessenheit. „Zurück ins Licht“ bringt sie nun endlich wieder in die Öffentlichkeit.
Ausgangspunkt ist ein Artikel des Kunsthistorikers Sascha Schwabacher, erschienen im Mai 1935 in der Frankfurter Israelitisches Gemeindeblatt, einer deutschsprachigen jüdischen Zeitung in Frankfurt. Schwabacher erinnert sich an ihre Atelierbesuche der vier Künstlerinnen und beschreibt ihre Persönlichkeiten – zu einer Zeit, als diese Frauen in Deutschland aufgrund der Verfolgung durch die Nationalsozialisten nur begrenzte Berufsmöglichkeiten hatten. Der Vortrag geht auf diese vier Atelierbesuche ein und lässt so die Frankfurter Kunstszene der 1920er Jahre wieder lebendig werden und macht die Zerrüttung spürbar, die die Naziherrschaft für die Arbeit und das Leben der vier Künstlerinnen bedeutete.
Dieser Vortrag von Dr. Eva Sabrina Atlan basiert auf Recherchen für die Ausstellung „Zurück ins Licht. Vier Künstlerinnen – Ihre Werke. Ihre Wege“, die noch bis zum 17. April 2023 im Jüdischen Museum Frankfurt zu sehen ist. Eingeleitet von Rachel Stern, Direktorin der Fritz Ascher Gesellschaft.
Eva Sabrina Atlan, PhD, ist stellvertretende Direktorin des Jüdischen Museums Frankfurt. Zuvor war sie Kuratorin für Kunst und Judaica (2005 – 2018) und anschließend Sammlungsleiterin. Sie ist Kuratorin der Ausstellung „Zurück ins Licht. Vier Künstlerinnen – Ihre Werke. Ihre Wege.“ Nach dem Studium der Kunstgeschichte, Klassischen Archäologie und Romanistik in Frankfurt am Main folgte ein Forschungsaufenthalt in Boston/USA, anschließend promovierte sie 1997 an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität über Samuel Bak. Werkmonographie von 1945 bis 1990. Neben dem neuen Dauerausstellungsbereich Die Pracht des Gebotesist sie verantwortlich für zahlreiche Ausstellungen und Publikationen, unter anderem als Mitherausgeberin von Ewiges Licht. Samuel Bak. Eine Kindheit im Schatten des Holocaust (1996) Zugang zu Israel (2 Bände, 2008) und 1938. Kunst. Künstler. Politik“(2013) und als Autor und Mitherausgeber von Die weibliche Seite Gottes. Kunst und Ritual (2020) und Zurück ins Licht. Vier Künstlerinnen – Ihre Werke. Ihre Wege (2022).

Amalie Seckbach, Hortensienblüte (Hortensienblüte) (Originaltitel nicht bekannt), 1939. Öl auf Chinapapier, 33 x 24 cm. Privatsammlung der Familie Buch

Amalie Seckbach, 15.11.43 Theresienstadt (Originalbeschriftung des Künstlers), 1943. Pastell auf Papier, 24 x 16,5 cm. Das Haus der Ghettokämpfer – Itzhak Katzenelson Holocaust and Jewish Resistance Heritage Museum, Israel
Amalie Seckbach (1870, Hungen – 1944, Theresienstadt)
Die deutsch-jüdische Künstlerin Amalie Seckbach (1870-1944) zog 1902 mit ihren Eltern aus Hungen nach Frankfurt am Main. Inspiriert von fernöstlicher Philosophie und Religion baute sie eine Sammlung chinesischer Holzschnitte auf, die bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Fachkreisen hohes Lob fand. Erst später, nach dem Tod ihres Mannes, des Architekten Max Seckbach (1866-1922), begann sie als Malerin und Bildhauerin zu arbeiten. Bereits 1929 konnte sie ihre bildhauerischen Werke in einer Ausstellung mit James Ensor (1860-1949) im Musée des Beaux-Arts sowie in Ausstellungen im Salon des Indépendants in Paris zeigen.
Ab 1933 konnte sie in Deutschland nur noch im Rahmen der Jewish Cultural Association oder im Ausland ausstellen, wie 1936 am Art Institute of Chicago. Als die Verfolgung durch das Nazi-Regime 1941 verheerende Ausmaße annahm, beschloss Amalie Seckbach, Deutschland zu verlassen, wurde jedoch im September 1942 verhaftet und in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert. Hier malte sie mit den ihr zur Verfügung stehenden Materialien, erlag jedoch im August 1944 den Folgen der Haft.

Erna Pinner (1890-1987), Vier Frauen am Lago Maggiore, 1925. Tusche auf Transparentpapier, 16,5 x 29,4 cm. Jüdisches Museum Frankfurt / Nachlass Erna Pinner

Erna Pinner, Williams Springmaus („Allactaga williamsi“), 1935 – 1948. Zeichnung, 11 x 15,5 cm. Jüdisches Museum Frankfurt © Nachlass Erna Pinner
Erna Pinner (1890, Frankfurt am Main – 1987, London)
Ziel der Ausstellung ist es, zwei grundsätzlich unterschiedliche Phasen in Erna Pinners Leben und Werk einander gegenüberzustellen. In beiden Phasen liegt der Fokus jedoch vor allem auf ihrem Schaffen als Schriftstellerin und Illustratorin. Öffentliche Anerkennung erlangte Erna Pinner in den 1920er-Jahren mit Publikationen wie Das Schweinebuch (1922), Eine Dame in Griechenland (1927) und Ich reise um die Welt (1931). Durch ihre Illustrationen sind diese Bücher eigenständige Werke, die sich weit vom Einfluss des expressionistischen Schriftstellers Kasimir Edschmid lösen. Sie gelangte darin nicht nur zu einem grafischen Stil mit präziser und eleganter Linienführung, sondern verknüpfte auch wirkungsvoll das Gesehene und Erlebte mit dem geschriebenen Wort.
Nach ihrer Emigration nach London im Jahr 1935 entwickelte sie einen neuen Illustrationsstil für populärwissenschaftliche Publikationen, bei dem sie Volumen, Proportionen und Texturen in beinahe fotografischer Detailliertheit darstellte. Sie studierte Zoologie an der Universität und belegte Kurse in Druckgrafik. Nach dem Krieg beschäftigten sich ihre Veröffentlichungen zunehmend mit der Geschichte der Arten. Aus den Jahren nach ihrer Emigration sind vor allem zwei Bücher ein eindrucksvolles Beispiel für ihre Verbindung von künstlerischer Erkenntnis und wissenschaftlicher Forschung – Curious Creatures (1951, 1953 auf Deutsch) und Born Alive (1959).

Ruth Cahn, Palmenhaus im Palmengarten, 1924. Gouache auf Papier, 88 x 68 cm. Historisches Museum Frankfurt

Ruth Cahn, Mädchen in roter Jacke (Mädchen in roter Jacke), 1920-1935. Öl auf Hartfaserplatte, 57,5 x 47 cm. Edition Memoria, Thomas B. Schumann, Hürth, Deutschland
Ruth Cahn (1875, Frankfurt am Main – 1966, Frankfurt am Main)
Die 1875 in Frankfurt am Main geborene Künstlerin Amalie Leontine Cahn wurde als Ruth Cahn weit über ihre Heimatstadt hinaus bekannt. Sie studierte Kunst in München und Barcelona, insbesondere bei dem fauvistischen Maler Kees van Dongen in Paris. In den 1920er Jahren wurden ihre Bilder bei den Frankfurter Kunsthandlungen H. Trittler und Ludwig Schames gezeigt. 1924 präsentierte die Galerie Dalmau in Barcelona Ruth Cahns Bilder in einer Einzelausstellung. Die gleiche Galerie ermöglichte auch Joan Miró und Salvador Dalí, damals noch unbekannten Künstlern, erste Ausstellungen.
Ruth Cahns Familie lebte verstreut in Spanien, der Schweiz und Südamerika. 1935 emigrierte sie aus Nazideutschland nach Chile und kehrte erst 1953 nach Europa zurück. Nach einigen Jahren in Barcelona zog sie 1961 zurück nach Frankfurt. Fünf Jahre später verstarb sie in ihrer Heimatstadt. Heute gilt der größte Teil von Cahns Werk in den Wirren des spanischen Bürgerkriegs und des Zweiten Weltkriegs als verloren. Wir möchten Ruth Cahns Leben und Werk rekonstruieren. Sie gehört zu jener Generation Frankfurter deutsch-jüdischer Künstlerinnen, deren Schaffen abrupt beendet wurde.
Am 8. September 1984 versteigerte das Frankfurter Auktionshaus Arnold zwei Gemälde Cahns. Seitdem sind sie verschwunden. Weiß jemand, wo sie sich jetzt befinden könnten?

Rosy Lilienfeld (1896-1942), Frau Pfeife rauchend, 1923. Radierung, 9,4 x 6,9 cm. Jüdisches Museum Frankfurt

Rosy Lilienfeld, Der Messias überfliegt den Sambation, 1933. Bleistift und Kreide auf Papier, 25 x 22,5 cm. Jüdisches Museum Frankfurt
Rosy Lilienfeld (1896, Frankfurt – 1942, Auschwitz)
Rosy Lilienfeld wurde am 17. Januar 1896 in Frankfurt am Main geboren. Die Familie lebte im Frankfurter Westend. Anfang der 1920er Jahre studierte Rosy Lilienfeld an der Städelschule bei dem Künstler Ugi Battenberg. Die Städelschule stellte ihr außerdem ein Atelier im Künstlerviertel Sachsenhausen zur Verfügung, bis ihr der Vertrag 1936 gekündigt wurde. Da sie seit 1933 arbeitslos war, konnte Lilienfeld die Ateliermiete nicht mehr bezahlen. Am 17. Juli 1939 beantragte Rosy Lilienfelds Mutter für sich und ihre Tochter die Auswanderung nach England. Doch die Reise führte sie nicht nach England, sondern nach Holland. Ab dem 23. November 1939 war Rosy Lilienfeld in Rotterdam gemeldet. Bis zum 25. Februar 1941 lebte sie unter verschiedenen Adressen in der Stadt. Ab diesem Zeitpunkt verliert sich jede Spur ihrer Mutter; auch auf den Deportationslisten taucht ihr Name nicht auf. Am 26. Februar 1941 zog Rosy Lilienfeld nach Utrecht. Dort wurde sie im folgenden Jahr verhaftet und in das Durchgangslager Westerbork gebracht. Anschließend wurde sie nach Auschwitz deportiert, wo sie wenige Wochen später ermordet wurde.
Einige von Lilienfelds Kompositionen sind von einem starken Gefühl des Unbehagens durchdrungen. Ihre fast alptraumhafte Atmosphäre könnte ein Hinweis auf den Geisteszustand der Künstlerin sein. Wie Aufzeichnungen belegen, wurde bei ihr nach ihrem ersten Selbstmordversuch im Jahr 1923 eine manische Depressivität diagnostiziert und sie befand sich bis 1935 in regelmäßiger psychiatrischer Behandlung.
Diese Veranstaltung ist Teil unserer monatlichen Serie Flucht oder Kampf. Geschichten von Künstlern unter Repressionen.
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