Brigitte Werneburg in taz am Wochenende

Brigitte Werneburg in taz am Wochenende

“Die Freundschaft der Bäume. Der Grunewald als Rettung – in der Villa Oppenheim und im Potsdam Museum ist das Werk des von den Nazis verfolgten Berliner Expressionisten Fritz Ascher zu sehen: ‘Leben ist Glühn.'” In taz am wochenende, 6/7 January 2018, p. 48.

by Brigitte Werneburg

Seine frühen Bilder, voller expressiver Energie, sind grossartig. Daran gibt es keinen Zweifel. Seine künstlerische Karriere und sein mit Beginn der Weimarer Zeit einsetzender Erfolg kamen durch die Machtergreifung der Nazis abrupt zum Ende. Doch die Landschaften und Baumporträts, die er nach der deutschen Niederlage im Zweiten Weltkrieg und seiner Rettung vor der Verfolgung durch die Nazis malte, sind vielleicht noch grossartiger und ein Höhepunkt in seinem Schaffen. Auch wenn sich Fritz Ascher (1893-1970) damit vom zeitgenössischen Kunstgeschehen verabschiedete.

Fritz Ascher, der schon bei seinen ersten künstlerischen Schritten von Max Liebermann gefördert worden war, der bei Lovis Corinth studierte und mit den Münchner Avantgardekünstlern wie Wassily Kandinsky, Alexander Jawelensky und Marianne Werefin befreundet war, ignorierte nun in seinen Bildern die abstrakte und informelle, gar die sozialistisch-realistische Nachkriegsmalerei.

Ascher blieb stattdessen seinem expressiven Formenvokabular der Vorkriegszeit und einer kräftigen Farbpalette treu, wobei er sich ganz auf seinen Alltag mit den wenigen ihm vertrauten Personen und seine nahe Umgebung konzentrierte.

Das heisst, er malte den Grunewald. Doch dort sind seine Waldstücke nicht wirklich zu verorten. Es ist ein atmosphärischer Grunewald, kein dokumentarischer, den Fritz Ascher auf die Leinwand bannt.

Das ist sehr schön in der Villa Oppenheim zu sehen, wo derzeit nach Stationen im Felix-Nussbaum-Haus in Osnabrück und im Museum Gunzenhauser in Chemnitz, die von der Kunsthistorikerin Rachel Stern initiierte Ascher-Retrospektive „Leben ist Glühn“ haltmacht. Jedenfalls zum Teil. In der Villa Oppenheim sind sein während der Zeit des Nationalsozialismus entstandenes dichterisches Werk und die nach 1945 gemalten Landschafts- und Naturbilder zu sehen, während sein expressionistisches Frühwerk gleichzeitig im Potsdam Museum gezeigt wird.

In Potsdam hatte der Künstler ab 1934 unter stetig wechselnden Adressen gelebt, bis ihn ein Polizist vor seiner bevorstehenden Deportation warnte. Ab Juni 1942 wurde er von Martha Grassmann, einer Freundin seiner Mutter, in ihrer Villa im Grunewald versteckt.

Aus diesem lebensrettenden Versteck, möchte man im Hinblick auf seine Entwicklung in der Nachkriegszeit sagen, fand Fritz Ascher nie mehr richtig heraus. Es sei denn, in seinen in spontanem, freien Pinselduktus und intensiven Farben ausgeführten Gemälden, die ihm dann aber, wie Eckhart J. Gillen in seinem Katalogbeitrag schreibt, so „unentbehrliche Begleiter und Dialogpartner“ waren, dass er sie weder ausstellen noch gar verkaufen konnte.

Tatsächlich wirkt ein Ölgemälde, das er 1949 von einer Gruppe „Bäume“ mit machtvollen Stämmen malt, wie ein Freundschaftsbild. Gleichzeitig beschwört es einen Grunewald, der den Zeitläufen auf magische Weise entkommen zu sein scheint. Die dicht stehenden und sichtlich alten Bäume dürften in dem vom Krieg schwer gezeichneten Forst eine Seltenheit gewesen sein.

Immer wieder trifft man in Aschers wunderbaren Gouachen Bäume als eng stehendes, vertrautes Paar an – aber auch mal als Baumpaar, das für die Gäste des zwischen ihnen sichtbar werdenden Jagdschlosses Grunewald Raum macht.

Sowenig Fritz Ascher mit seinen kaum je gezeigten Waldstücken, Landschaften, Blumenstillleben und vor allem Sonnenblumenporträts noch einmal bekannt werden konnte – nur Rudolf Springer gelang es, ihn 1969 zu einer Einzelausstellung in seiner Galerie zu überreden -, so wenig konnte dazu auch sein Frühwerk beitragen. Denn der Grossteil seiner Kunstwerke wurde am 25. April 1945 bei einem Bombenangriff zerstört, vier Tage bevor er sein Versteck verlassen konnte, als die Rote Armee auch im Grunewald stand.

Trotzdem ist es Rachel Stern über die von ihr gegründete Fritz Ascher Society für Verfolgte, Verfemte und Verbotene Kunst gelungen, ein erstaunliches Konvolut zusammenzutragen, angefangen bei Aschers ersten Studienzeichnungen bis hin zu grossformatigen und komplexen Kompositionen wie dem „Golem“ (1916/1945), der nun im Besitz des Jüdischen Museums in Berlin ist.

Auffallend sind in seinem Frühwerk wiederkehrende Motive wie der Tod Christi am Kreuz, etwa im grossformatigen „Golgatha“ (1915), wie der Mythos des Golem, der zu dieser Zeit als Roman und Film ein grosser Erfolg war, oder wie in zahlreichen Gouachen die Figur des Clowns, den er auch im Ölgemälde des „Bajazzo“ (1924/1945) festhielt. Auffällig sind zudem die körperlich enorm kraftvollen männlichen Akte, Boxer und Fussballspieler.

Wie die Sportbilder zeigen oder seine Skizzen von der Novemberrevolution 1918, war Fritz Ascher in der Zeit vor 1933 ein gesellschaftlich und politisch interessierter und engagierter Künstler. Seine erste Internierung im Konzentrationslager Sachsenhausen nach der Reichpogromnacht erfolgte wegen politischer Subversivität, nicht weil er geborener Jude (und getaufter Protestant) war.

Man kann sich vorstellen, dass Fritz Ascher die drei Jahre in seinem Versteck in Grunewald nur durchgestanden hat, weil er seinen Sportlern ähnlich ein freilich geistig und seelisch muskulöser Mann war.

Öö

2018-12-11T11:36:42+00:00January 6th, 2018|Select Press Coverage|Comments Off on Brigitte Werneburg in taz am Wochenende