2017, Winter - Jutta Götzmann in potsdamlife no. 50, pp. 54,55

Leben ist Glühn. Der deutsche Expressionist Fritz Ascher

Aktuelle Sonderausstellung des Potsdam Museums - Forum für Kunst und Geschichte, 10. Dezember 2017 bis 11. März 2018

by Jutta Götzmann

Der spätexpressionistische Künstler Fritz Ascher (1893-1970) ist heute zu Unrecht nahezu vollkommen vergessen. Um dies zu ändern, nimmt die Ausstellung "Leben ist Glühn" an zwei verschiedenen Standorten zeitgleich eine umfassende monographische Werkschau vor. In Kooperation mit der Fritz Ascher Society for Persecuted, Ostracized and Banned Art, Inc., New York (Fritz Ascher Gesellschaft für Verfolgte, Verfemte und Verbotene Kunst mit Sitz in New York) werden im Potsdam Museum - Forum für Kunst und Geschichte und im Museum Charlottenburg-Wilmersdorf in der Villa Oppenheim zahlreiche Gemälde, Papierarbeiten und Gedichte gezeigt, in denen Ascher seine starke und einzigartige Sprache entwickelte. Die Ausstellung in Potsdam umspannt Aschers Werk von ersten Studienzeichnungen über expressive Figurenkompositionen der Weimarer Republik bis zu seinen späten Grunewald-Landschaften. Ascher überlebte zwei Weltkriege und die Verfolgung durch die Nationalsozialisten. Sein Schicksal steht exemplarisch für die zahlreichen vielversprechenden Karrieren der sogenannten verlorenen Generation. Den Grossteil seines Lebens verbrachte Ascher in Berlin, ab 1934 war er in Steinstücken und Neubabelsberg ansässig, wo seine Verfolgung durch die Nationalsozialisten begann.

Fritz Hermann Ascher wurde am 17. Oktober 1893 in Berlin geboren. Sein künstlerisches Talent zeigte sich früh. Die erfolgreiche Tätigkeit seines Vaters ermöglichte dem ältesten Sohn eine künstlerische Ausbildung. 16-jährig empfahl Max Liebermann ihn mit einem "Künstlereinjährigen" zur Akademie für Bildenden Künste in Königsberg, wo er sich mit dem deutsch-litauischen Künstler Franz Domscheit (Pranas Domsaitis) anfreundete. Ab 1913 arbeitete Ascher als unabhängiger Künstler in Berlin, umgeben von Kollegen wie Ludwig Meidner, Jakob Steinhardt und Emil Nolde. Während eines längeren Bayern-Aufenthaltes traf er die Künstler des "Blauen Reiters" und freundete sich mit den Künstlern des satirischen Wochenmagazins Simplicissimus an, zu denen unter anderen Ludwig Thoma, Alfred Kubin, George Grosz und Käthe Kollwitz gehörten. Mit der Machtübernahme Adolf Hitlers veränderte sich Aschers Leben dramatisch - bereits 1933 wurde er der NSDAP als politisch verdächtig gemeldet und erhielt als jüdischer und "entarteter" Künstler Berufsverbot. Ascher wechselte in Berlin und Potsdam mehrfach aus Angst vor Repressalien seine Aufenthaltsorte. Er versteckte sich ab 1934 zunächst in Steinstücken und später in Neubabelsberg in Pensionen und Privatunterkünften.

An seinem letzten Wohnort, einer Pension in Babelsberg, wurde Ascher im November 1938 durch die Potsdamer Staatspolizei gefangen genommen und an das KZ Sachsenhausen überstellt. Auf Betreiben seines Freundes Gerhard Graßmann wurde er Ende des Jahres entlassen, ab dem 2. Januar 1939 folgte eine erneute Internierung im Potsdamer Polizeigefängnis bis zu seiner Entlassung unter Auflagen.

Der im März 1942 drohenden Deprortation entging Ascher durch Vorwarnung eines Polizeibeamten sowie durch seine Flucht in die Wohnung von Martha Graßmann in Berlin-Grunewald. Die Mutter seines 1941 verstorbenen Freundes sicherte Aschers Überleben in der Illegalität. Noch in den letzten Kriegstagen, zm 25. April 1945, zerstörte ein Bombenangriff Aschers Gemälde, die er bei Freunden untergebracht hatte, fast vollständig.

Als verfolgter und mittelloser Künstler fand Ascher - durch die Jahre der Flucht und Illegalität traumatisiert - nach dem Krieg nur langsam zu künstlerischer Betätigung zurück. Sozialhilfebeiträge und erste geringe Entschädigungszahlungen ermöglichten ihm ein bescheidenes Auskommen. Martha Graßmann unterstützte Ascher in juristischen Fragen und half dem zunehmend in sich gekehrten Künstler bis zu seinem Tod 1970 bei alltäglichen Arbeiten.

Seit fast 30 Jahren beschäftigt sich die amerikanisch-deutsche Kunsthistorikerin Rachel Stern mit dem künstlerischen und literarischen Schaffen von Fritz Ascher. Es ist ihr Anliegen, das Werk des expressionistischen Künstlers kunsthistorisch aufzuarbeiten und in der öffentlichen Wahrnehmung zu verankern. Zu diesem Zweck gründete sie im Jahr 2014 die Fritz Ascher Gesellschaft für Verfolgte, Verfemte und Verbotene Kunst mit Sitz in New York. Seit einem Jahr wandert die erste dem Künstler gewidmete Retrospektive "Leben ist Glühn. Der deutsche Expressionist Fritz Ascher" durch Deutschland. Beginnend im letzten Jahr im Felix-Nussbaum-Haus in Osnabrück war sie danach in den Kunstsammlungen Chemnitz, Museum Gunzenhauser zu sehen. Mit der Ausstellungskooperation zwischen dem Potsdam Museum - Forum für Kunst und Geschichte und dem Museum Charlottenburg-Wilmersdorf in der Villa Oppenheim kommt das Werk Aschers an seinen Entstehungsort zurück. Beide Ausstellungen haben den künstlerisch-biographischen Schwerpunkt erweitert und Aschers Gedichte - als Ausdrucksmittel in den Jahren der Verfolgung - in Parallelität zum bildkünstlerischen Werk gebracht.

Die Stiftung Gedenkstätte Lindenstrasse nimmt beide Ausstellungen zum Anlaß für die Werkstattausstellung "Sechs Wochen sind fast wie lebenslänglich..." Das Potsdamer Polizeigefängnis Priesterstraße/Bauhofstraße".

Fritz Ascher, Study of a Head, 1953. Foto Malcolm Varon ©Bianca Stock
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